Therapeutische Gesund­heits­berufe

Junger Mann macht motorische Übungen mit Patientin mit Knetmasse

Die Arbeitswelt im Überblick

Hand in Hand mit Ärzt*innen und anderen Berufsgruppen kümmern sich Therapeut*innen darum, dass Menschen es schaffen, ihren Alltag trotz gesundheitlicher Probleme zu bewältigen. Ob physische, psychische oder sensomotorische Schwierigkeiten – sie unterstützen und begleiten in Heilungs-, Entwicklungs- und Stabilisierungsprozessen.

Wer in einem therapeutischen Gesundheitsberuf arbeitet, untersucht, diagnostiziert und leitet Patient*innen an, die Schwierigkeiten haben, ihren Alltag zu meistern. Dafür entscheiden sie über passende Therapien, planen diese und leiten die Behandlung ein. Die konkreten Methoden unterscheiden sich je nach Beruf jedoch stark – Physiotherapeut*innen behandeln etwa Unfall- oder Schlaganfallpatient*innen, deren körperliche Beweglichkeit bzw. Sensomotorik eingeschränkt ist. In der Ergotherapie geht es darum, konkrete Alltagsaufgaben anzugehen, indem Erfolgserlebnisse in kleinen Schritten erfahrbar gemacht werden. Auch Kinder mit Beeinträchtigungen werden so in ihrer Entwicklung unterstützt, während etwa demente Senior*innen von ergotherapeutischen Wahrnehmungstrainings profitieren.

Logopäd*innen kümmern sich um Probleme bei der Aussprache, Kommunikation sowie um Störungen der Sprachentwicklung oder bei Sprachverlust. Und Kunst- oder Musiktherapeut*innen stabilisieren bei psychischen oder psychosozialen Beeinträchtigungen durch kreative Übungen während Sport- sowie Tanz- und Bewegungstherapeut*innen körperlich aktivieren. Sozialtherapeut*innen wiederum sind vor allem beratend tätig und helfen Menschen in Krisensituationen. Therapeut*innen mit Studium können zudem organisatorische Aufgaben übernehmen oder sie erforschen und entwickeln als Therapiewissenschaftler*innen mit Masterabschluss neue Ansätze für evidenzbasierte Methoden.

Therapeut*innen sollten sich in jedem Fall in Menschen hineinversetzen können, über eine gute Beobachtungsgabe verfügen und dazu in der Lage sein, Menschen zu motivieren. Außerdem sollte man über Feingefühl in der Kommunikation verfügen, schließlich stecken die zu behandelnden Patient*innen häufig in Krisensituationen. Gegebenenfalls kann auch körperliche Fitness gefragt sein – schließlich führen sie Übungen teilweise selbst vor bzw. führen diese manuell aus. Da therapeutische Leistungen über die Krankenkassen abgerechnet werden, ist auch der Wille zur Erfüllung von Dokumentationspflichten notwendig. Nicht nur im Falle einer wissenschaftlichen Tätigkeit ist zudem eine reflektierende Haltung sinnvoll und ein forschender, kritischer Geist mit Mut zu neuen Ansätzen gut. Auch ist für Therapiewissenschaftler*innen strukturiertes, gut organisiertes Arbeiten für die Planung und Durchführung von Studien sowie für die Beantragung von Drittmitteln gut.

Die Gesellschaft altert, immer mehr junge Menschen haben gesundheitliche, psychosomatische Probleme, die Inklusion verlangt nach therapeutischen Konzepten, um Kindern mit Behinderung früh Teilhabe zu ermöglichen. Auch Migration und soziale Schieflagen rufen mehr Therapeut*innen auf den Plan. Laut Bundesministerium für Gesundheit steigen die so genannten Heilmittelausgaben stetig. Waren es 2013 noch 5,3 Milliarden jährlich, gaben 2018 die Krankenkassen zirka 7,4 Milliarden Euro für therapeutische Maßnahmen aus. Es kann zudem erwartet werden, dass die Corona-Pandemie und die vermuteten Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung den Bedarf zusätzlich wachsen lassen.

Claudia Suttner, Arbeitsmarktexpertin der Bundesagentur für Arbeit, schätzt die Arbeitsmarktperspektiven jedenfalls positiv ein: „Die Arbeitslosigkeit von Therapeuten fällt allgemein sehr gering aus und die Beschäftigung ist vergleichsweise stabil. Insgesamt handelt es sich um ein sehr kleines Berufsfeld. Absolventen von Weiterbildung oder Studium in therapeutischen Berufen sind jedoch gesucht und profitieren von den guten Zukunftsaussichten in der Gesundheitsbranche.“

Akademisierte Therapeut*innen finden derzeit meist Anstellung in Unikliniken, Krankenhäusern, Praxen, Pflegeheimen, Rehabilitationszentren, beruflichen Schulen oder an Hochschulen. Eine weitere Option ist es, sich selbstständig zu machen und eine eigene Praxis zu eröffnen.

In der Therapie werden immer noch vor allem Fachkräfte mit berufsfachlicher Ausbildung beschäftigt. Es gibt aber vermehrt duale Studienangebote, die Berufsausbildung und akademische Lehre kombinieren sowie grundständige Bachelor- und weiterführende Studiengänge in den Therapiewissenschaften. Auch Masterstudiengänge aus angrenzenden Disziplinen, wie etwa Versorgungs- oder Gesundheitsforschung, führen in das Berufsfeld. Expert*innen arbeiten daran, dass Hochschulabsolvent*innen in Zukunft nicht nur in der Patientenbehandlung sowie in Führungs- und Organisationspositionen eingesetzt werden, sondern auch Anstellung etwa in Gesundheitsämtern, in der Forschung und Entwicklung in Kliniken sowie im medizinisch-wissenschaftlichen Bereich finden. <<

Portrait von Michaela Evans

Interview mit Michaela Evans, Forscherin im Schwerpunkt Gesundheit und soziale Dienstleistungsarbeit am Institut Arbeit und Technik (IAT) der Westfälischen Hochschule

Therapie auf Augenhöhe mit der Medizin

Frau Evans, welche Entwicklungen beobachten Sie in der Therapie-Branche?
Michaela Evans: Die Bedeutung der Therapie-Branche wächst. Wir beobachten im Moment, dass wir aus verschiedenen Ecken unserer Gesellschaft einen stetig steigenden Therapiebedarf haben – über den demografischen Wandel, über eine hohe Belastung in der Arbeitswelt, über die Zunahme physischer und psychischer Erkrankungen, bei der Integration in den Arbeitsmarkt und über Entwicklungsprobleme bei Kindern. Die alternde Gesellschaft ist das eine, zunehmende Schlaganfälle, chronische Rückenleiden, psychosomatische Erkrankungen, Suchtprobleme, Sprachentwicklungsstörungen das andere. In all diesen Bereichen sind Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Logopäden und andere therapeutische Disziplinen gefragt, die auf Augenhöhe mit der Medizin innovative Versorgungsansätze entwickeln. Ziel ist, diese Menschen in ihrem Heilungs-, Stabilisierungs- oder Entwicklungsprozess noch besser zu unterstützen.

Das heißt also, Therapeut*innen mit akademischem Background sind sehr gefragt?
Michaela Evans: Jein, einerseits nimmt die Komplexität der Herausforderungen, wie geschildert, zu. Das heißt, wir brauchen in der Tat neue wissenschaftlich-evidenzbasierte Behandlungs- und Versorgungsmethoden, die akademische Therapeuten entwickeln und begleiten. Andererseits brauchen wir noch viel Engagement, dass dafür in Einrichtungen des Gesundheitswesens, aber auch z.B. im Öffentlichen Gesundheitsdienst auf kommunaler Ebene attraktive Arbeitsplätze geschaffen werden. Stattdessen arbeiten die allermeisten Hochschulabsolventen häufig noch auf den gleichen Stellen wie Therapeuten mit einer berufs­fachschulischen Ausbildung. Zudem hinterlässt Corona Spuren in der wirtschaft­lichen Situation vieler niedergelassener Therapeuten. Praxen waren zu, Personal in Kurzarbeit – auch wenn versucht wurde, mit digital gestützten Angeboten Therapien aufrechtzuerhalten.

Welche Berufseinstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten gibt es also für akademische Therapeut*innen?
Michaela Evans: Sie können im Bereich der klinischen Forschung aktiv werden, an Universitätskliniken zum Beispiel. Hier können sie neue Therapie- und Diagnostikansätze interprofessionell erforschen. Natürlich können sie auch mit ihren hochschulischen, evidenzbasierten Kompetenzen in den normalen Versorgungsbetrieb einsteigen und versuchen, die Leitlinien dort weiterzuentwickeln – also darauf hinwirken, dass sich Methoden auf Höhe der Wissenschaft in der Praxis etablieren. Das setzt aber nicht nur Fachwissen, sondern auch Know-how zum strategisch, organisatorischen Handeln voraus. Also die Kompetenz, wie man Verbesserungsvorschläge so einbringt, dass sie eine Chance zur Umsetzung bekommen. Eine weitere Option ist es, sich selbstständig zu machen oder sogar ganz neue Arbeitsfelder, z.B. in der Arbeitsmarktintegration, zu erschließen. Für die Selbstständigkeit sollte man aber über betriebswirtschaftliche Kenntnisse sowie Know-how in puncto Personalmanagement verfügen.

Welche Anforderungen gibt es noch?
Michaela Evans: In der individuellen Fallbetreuung, in der ja nach wie vor die meisten arbeiten, braucht man Kommunikations- und interprofessionelle Teamfähigkeit sowie, ganz wichtig, Empathie: Die Behandlung von chronisch kranken Menschen, die psychosomatische Begleitung, die von entwicklungsverzögerten Kindern, die Suchtbegleitung – all das sind emotional hochsensible Felder. Nicht nur die Patienten sind häufig in existenziell bedrohlichen Situationen, auch deren Familien, die Eltern. Dann muss man in der Lage sein, sein Fachwissen feinfühlig in eine sehr individuelle Ansprache-Strategie zu übersetzen. <<

Das Studium therapeutischer Berufe wie etwa Physiotherapie oder Logopädie ist mittlerweile etabliert. Wer ein grundständiges Studium nicht im ersten Schritt absolvieren möchte, kann auch eine dreijährige Ausbildung ablegen und ein Aufbaustudium anhängen. Es empfiehlt sich, zunächst Praxiserfahrung zu sammeln und das Studium nicht direkt im Anschluss anzugehen. Die Erfahrung der vergangenen Jahre hat gezeigt, dass Akademikern zu Beginn praktische Erfahrung fehlt, sie durch das Studium jedoch besser vorbereitet werden auf wissenschaftliches Arbeiten, effiziente Informationsbeschaffung und analytisches Denken.

Wir stellen vorranging Therapeuten mit akademischem Abschluss ein, weil wir erwarten, dass unsere Mitarbeitenden in der Lage sind, ihre Versorgung vor dem Hintergrund des aktuellen Stands der Wissenschaft selbstorganisiert und selbststrukturiert zu planen. Auch sollten sie in der Lage sein, Routinen in der Versorgung zu durchbrechen. Im Bachelorstudium lernen Studierende z.B. Studien zu lesen, um dort Lösungen für Probleme, die ihnen in der Praxis begegnen, zu finden. Außerdem ist es wichtig, eine hohe kommunikative Kompetenz zu besitzen – sowohl für die Beratung und das Anleiten der Patienten und Angehörigen als auch für den Austausch mit den Ärzten und dem Pflegepersonal. Wer in unseren wissenschaftlichen Projekten mitarbeiten möchte, braucht einen Masterabschluss, zum Beispiel im Bereich Versorgungsforschung oder Therapiewissenschaften, am besten in Kombination mit praktischer Erfahrung.

Gerade für Menschen mit Behinderungen ist Therapie oft entscheidend, damit sie ihr Entwicklungspotenzial erreichen und Folgeerkrankungen der Beeinträchtigung vermeiden können. Für die Therapeut*innen sind, neben Kompetenz und Fachlichkeit, Offenheit und die Bereitschaft sich einzusetzen, genauso wichtig wie Empathie und Sensibilität für die anvertrauten Menschen. Die Studiengänge ermöglichen einen reflektierten Umgang mit den Methoden und vor allem eine Weiterentwicklung auf empirisch-wissenschaftlicher Basis. Das ist gerade in den therapeutischen Berufen, deren Konzepte von Erfahrungswissen geprägt sind, von besonderem Wert – für Absolvent*innen ebenso wie für Menschen mit Behinderung.

Für die Berufe in dieser Arbeitswelt können im späteren Berufsleben beispielsweise folgende fachliche Kenntnisse gefragt sein:

  • Ergotherapie
  • Gesundheitsvorsorge (Prävention)
  • Therapiewissenschaften
  • Kunsttherapie
  • Leitungsaufgaben und Mitarbeiterführung
  • Logopädie, Sprachtherapie
  • Musiktherapie
  • Patientenbetreuung
  • Physiotherapie
  • Rehabilitation
  • Unterricht, Lehrtätigkeit

Für die Berufe in dieser Arbeitswelt können im späteren Berufsleben beispielsweise folgende persönliche Anforderungen an dich gestellt werden:

  • Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz
  • Einfühlungsvermögen (Empathie)
  • Entscheidungsstärke
  • Kommunikationsstärke
  • Motivationsfähigkeit
  • Planungs- und Organisationsfähigkeit
  • psychische und emotionale Stabilität
  • Selbstorganisation
  • Urteilsvermögen
  • Verantwortungsbewusstsein
  • Verschwiegenheit
http://berufsfeld-info.de/abi/tbf/therapeutische-gesundheitsberufe