Theater­schneider

Manche Materialien und deren Verarbeitungsweisen lernt man erst im Theater kennen.

Fluggeschirr in der Hose

Ein Fluggeschirr in ein Kleidungsstück nähen, Frauenkleidung für Männer schneidern, Ganzkörperanzüge herstellen: Der Arbeitsalltag des Theaterschneiders Gunter Bickel (50) ist abwechslungsreich.

Nach der Schule absolvierte Gunter Bickel zunächst eine Ausbildung zum Chemisch-technischen Assistenten – obwohl er schon damals zum Theater gehen wollte: „Es hieß immer, da bekäme man keine sicheren Jobs und ich solle lieber was mit Zukunft machen.“ Zwar beendete er seine erste Ausbildung, doch er fand schnell heraus, dass das Labor nicht der richtige Arbeitsplatz für ihn war.

Nach einem sechsmonatigen Praktikum in der Kostümabteilung eines Theaters wusste er schließlich genau, wo er hinwollte. Obwohl auch ein Designstudium infrage gekommen wäre, entschied er sich für das Handwerk und machte eine Ausbildung zum Herrenmaßschneider – heute heißt der Beruf „Maßschneider“. „Ich wollte kreativ sein und Stücke mit meinen Händen schaffen“, begründet er seine Entscheidung.

Verrückte Designs und neue Materialien

Nach seiner Ausbildung fand Gunter Bickel an einem Theater Beschäftigung und spezialisierte sich auf die Theaterschneiderei. Er musste noch vieles dazulernen: „Manche Materialien und deren Verarbeitungsweisen lernt man erst im Theater kennen, etwa Gummi, Filz, Latex oder Watteline für sogenannte Fettsuits.“ Letzteres sind Ganzkörperanzüge, die einem Schauspieler eine andere Figur verleihen. Der Theaterschneider muss diesen zweiten Körper schichtweise aufbauen und immer wieder anpassen. „Es gibt so viele Möglichkeiten, auf die Kostüme einzuwirken – allein schon durch die große Bandbreite an Werkstücken und Werkstoffen.“ Gunter Bickel eignete sich das Wissen im Rahmen der Einweisung durch Kollegen und durch das Arbeiten an Kleinteilen an. Nach einiger Zeit schneiderte er auch Großstücke wie Jacken und Kleider. Letztere werden am Theater nicht nur von den weiblichen, sondern des Öfteren auch von männlichen Schauspielern getragen.

Generell unterscheiden sich die Anforderungen an Kleidungsstücke am Theater deutlich von denen an Alltagskleidung, wie Gunter Bickel erläutert: „Wenn zum Beispiel ein Schauspieler über die Bühne schweben soll, nähe ich ein Fluggeschirr in sein Gewand ein und achte darauf, dass nichts davon zu sehen ist.“ Und würde man im Geschäft eine zerschlissene Hose nie verkaufen, so ist gerade das am Theater oft gewünscht. Mit Drahtbürsten den Stoff abwetzen, Kostüme ausbeulen und verfärben – Textilien altern zu lassen ist eine Kunst, die der Theaterschneider beherrscht.

Schauspielern unter die Arme greifen

Neben den Werkstatt-Tätigkeiten ist der Theaterschneider auch bei den Abendvorstellungen im Einsatz. Er holt die benötigten Kostüme aus dem Fundus und legt sie für die Schauspieler bereit. Zudem bereitet er Kostümwechsel vor und hilft beim An- und Auskleiden. Und wenn etwas kaputtgeht, muss schnell eine Naht genäht oder ein Riss geflickt werden. „Wir veranlassen auch die Reinigung der Kostüme, je nach Art des Stückes. Beispielsweise beim Ballett nach jeder Vorstellung, weil die Tänzer da viel schwitzen.“

Mit einer zusätzlichen zweijährigen Weiterbildung kann ein Theaterschneider zum Gewandmeister aufsteigen, Kostüme mit entwerfen und somit aktiv an der Gestaltung der Theaterstücke mitwirken. Gunter Bickel ist aber zufrieden mit seiner Stellung. „Ich mag die Theaterluft und bin froh, dass ich den Schritt doch gewagt habe. In der Werkstatt der Theaterschneiderei kann ich mich handwerklich ausleben.“

Informationen

Weitere Infos zu diesem Beruf finden Sie im BERUFENET:

http://bfi.plus/3261